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Leise denken

Was ist das hier?

'Leise denken' mit dem Untertitel 'Geschichten, wie das Leben sie haette schreiben koennen' ist ein progessiv-Werk, ein quasi-Buch, an dem ich immer mal wieder arbeite, wenn es Zeit und Gedanken beguenstigen. Im grossen und ganzen geht es um Geschichten, wie das Leben sie haette schreiben koennen oder sollen, um Traeume und nicht zuletzt darum, wie Hoffnung funktioniert.

Die Geschichte

Die Teile des Werkes sind chronologisch absteigend sortiert - das heisst, dass der Anfang unten zu finden ist. Das ist nicht intuitiv, aber auch nicht besonders schlimm, da die meisten Geschichten nicht zusammenhaengen (werden). Wenn du dennoch vorne anfangen moechtest, dann schau doch mal hier. Neugierige finden auch einen RSS Feed.

Vorwort

Wenn du mich fragen wuerdest, wie lange wir uns schon kennen, koennte ich dir nur eine Antwort geben: Ich habe keine Ahnung. Woher wir uns kennen ist ein Sammelsurium vieler Momente und Geschichten. Ausnahmslos alle sind es wert, erzaehlt zu werden, auch wenn nur wenige geordnet genug dazu sind - und vermutlich ist nur der Moment selbst Beschreibung genug.

Ein erster Tag

Musik beim Schreiben / Empfehlung: http://kahvi.org/releases.php?release_number=203

Ich erinnere mich nur luecken- aber sehr lebhaft daran. Dieser Tag begann wie einer dieser Tage, die man schnell vergisst, da eigentlich nichts besonders heraussticht. Das Wetter ist wolkig, wenn auch warm, es ist trocken und von den Nachrichten bleibt nichts laenger als 5 Minuten im Hinterkopf. Wenn nichts besonders passiert, wird man es wie den Tag selbst schon mit dem Abend vergessen haben. Anders als die Tage sind die Naechte, die diesen Tagen folgen. Wenn die Sonne untergeht, beginnt mein Tag. Und oft fuehle ich mich wie der Mond, der tags nur manchmal zu sehen ist. Und selbst wenn, dann ist seine Erscheinung fahl und blass. Erst mit der Nacht gewinnt er an Kontrast und Leben und wandert bedaechtig aber stetig durch sein Areal.

So war es auch an diesem Abend. Mit Untergang der Sonne spuere ich eine bestimmte und mir wohl bekannte Unruhe aufsteigen. Aehnlich einem unsteten Vogel, den es in den Wintermonaten in waermere Regionen zieht, presst mich die Nacht aus dem Schutz der engen Wohnung in den Schutz der offenen Dunkelheit. Wie oft nutze ich den Bewegungsdrang fuer Wanderungen durch die Nacht, die selten genug ein Ziel haben. Meine einzige Begleiterin ist die Musik, die ich mitnehme - als musikalische Untermalung zu dem Sternenhimmel, in den ich oefter aufschaue als irgendwo anders hin. Noch deutlicher als die Stille laesst die Musik die Unendlichkeit werden.

Und so laufe ich los in dieser klaren Nacht, die den Tag bis auf einen kleinen roten Streifen am Horizont verdraengt hat. “Den schaffen wir auch noch”, denke ich in Richtung Schwester Mond und schlage die Strasse stadtauswaerts ein. Die Fuesse bewegen sich wie fast von alleine, waehrend die Lichter am Strassenrand immer weniger werden. Nach einer halben Stunde ist der Himmel, der eben noch so dunkel und schwarz schien der hellste vorstellbare Fleck weit und breit. Ich waehle einen Seitenweg auf dem mir keine Autos begegnen und wandere weiter. Entlang an Feldern und Wiesen, an Zaeunen und Scheunen. An einen der Zaunpfeiler lehne ich mich und starre nach oben. Wie um alles in der Welt kann unsere Welt in mitten dieser Millionen hellen Punkte der Ort sein, an dem ich gerade bin? Und waehrend ich darueber so nachdenke laufe ich weiter, meinen Blick in die Sterne. Ich kenne die Strasse blind, auch wenn ich nicht wahrnehme wo ich bin, taenzel im Kreis, entlang am Wegesrand. Meine Augen sind gefesselt von den Sternen und ich frage mich, wie ewig sie dort schon so sind.

Waehrend meine Gedanken und meine Seele schon weit ueber der Erde wie Nachtfalter umher schweben, leitet die Musik meine Beine sicher durch die Nacht. Mein Blick folgt den kleinen funkelnden Punkten am Himmel und kann nicht einen erfassen. Ein Stern loest sich von seinem Platz und stuerzt mit einem langen Schweif herab. Ich blinzele und schliesse die Augen fuer einen Moment. Die Dunkelheit formt einen Wunsch, der mit aufsteigt zu meinen Gedanken und meiner Seele, die zusammen weiter durch die Nacht tanzen. Ploetzlich halte ich an, nicht freiwillig. Etwas hat mich gestoppt, gestossen und aus der Bahn geworfen. Ein kurzer Aufschrei des Erschreckens klingt durch die Nacht und durchdringt den Fluss meiner Musik deutlich wahrnehmbar, doch weniger aengstlich als verwirrt. Es war nicht mein Schrei. Ich oeffne die Augen und ziehe die Kopfhoerer Richtung Hals. Meine Augen brauchen sich nicht mehr an die Dunkelheit gewoehnen, doch es dauert einen Augenblick, bis meine Gedanken und letztlich ich selbst wieder zu mir finden.

Dann sehe ich ein Maedchen. Sie sitzt auf dem Boden im Mondlicht und haelt sich den Arm, waehrend sie skeptisch zu mir aufschaut. “Wer bist du?”, fragt sie leise. Ihre langen schwarzen Haare fallen fast bis zum Boden und ich kann ihr Gesicht kaum erkennen. Nur ihre Augen reflektieren ein winziges bisschen des Mondlichtes. Ich starre sie an… “Entschuldige, ich habe dich ueberhaupt nicht gesehen.”, wage ich den Versuch einer Entschuldigung. “Schon ok, ich hab selbst getraeumt.”, antwortet sie. “Hast du dir was getan?”, frage ich weiter. Sie reibt sich weiter den Ellebogen und es sieht ganz so aus als waere dem so. Waere es nicht stockfinstere Nacht, so waere das Rot, welches ich vor Peinlichkeit in meinem Gesicht spuere weithin sichtbar. “Nein, geht schon. Ich habe mich nur erschreckt. Wer bist du?”, wiederholt sie ihre Frage. “Ich weiss es nicht”, antworte ich und setze mich neben sie auf den Weg. “Du tanzt nachts durch die verlassensten Gegenden und weisst nicht wer du bist.” - ich koennte die Situation nicht besser zusammenfassen. “Aktuell hast du recht. Wer bist du?”. Ich kann mir die Gegenfrage nicht verkneifen. “Ich kann nicht schlafen”, sagt sie und beschreibt sich besser als jeder Name es koennte. “Ich auch nicht”, antworte ich und fuege hinzu, “Diese Nacht hat es auch nicht verdient, dass man sie verschlaeft.”. Das Schwarz ihrer Haare strahlt im wenigen Licht wie die Oberflaeche eines Sees. Sie neigt ihren Kopf ein Stueck und schaut zu mir herueber. Hinter ein paar Straenen sehe ich sie blinzeln. “Wohin bist du unterwegs?”, fragt sie schliesslich. “Nach Hause.”, antworte ich. “Und weisst du, wo das ist?”, fragt sie weiter. “Ich bin mir nicht mehr sicher…”, sage ich etwas zoegerlich und unsicher. Sie nickt und wir sitzen eine Weile da. Sie und ich im Schneidersitz auf einem Feldweg weit ab der Stadt. Aus meinem und aus ihrem Kopfhoerer fluestert leise ein Hauch von Musik.

“Wie hoch kann man schweben um diese Zeit?”, fragt sie schliesslich. “Hoch…”, sage ich und weiss nicht so recht was ich sagen soll. “Doppelt so hoch wie alleine?”, fragt sie. Ich weiss noch immer nich so recht was ich sagen soll. Sie setzt sich neben mir an einen Zaunpfeiler und sagt, “Bestimmt.”. “Wo willst du eigentlich hin?”, frage ich eher aus Verlegenheit. “Ich moechte auch nach Hause.”, sagt sie etwas nachdenklich und schaut in den Sternenhimmel. Ihre Haare fallen hinter ihren Kopf und ich kann ihr Gesicht sehen. Sie ist noch schoener als der Sternenhimmel, der ihre Stirn anstrahlt. “Und weiss wie du nicht mehr so ganz wo das liegt.”, fuegt sie hinzu, den Blick immernoch auf die Sterne gerichtet. “Hast du Lust, das mit mir herauszufinden?”, sagt sie und wendet sich ein Stueck ein meine Richtung, “Vielleicht finden wir ja auch dein Zuhause…”. Ich werde etwas verlegen als sie Ihren Kopf auf meine Schulter legt und meine Hand nimmt. Ihre Haare kitzeln meine Wange ein wenig als ich auch meinen Kopf auf ihren sinken lasse. Sie fuehlt sich kuehl an, wie von weit weg. So weit wie die Sterne und unsere Seelen und Gedanken, die diese Nacht um die Wette fliegen. Nach Hause.

2009/07/02 22:24 · Joel Garske · 0 Comments

Alte Geschichten

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